Die Nordwest-Küste Siziliens, Zingaro NP

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Castellammare del Golfo ist ein verschlafenes Städtchen mit einer schönen Altstadt rund um den Hafen. Leider regnet es, aber wir lassen uns nicht von einem Rundgang abhalten. Dabei beobachten wir am Sonntag Mittag ein italienisches Phänomen, das „Corso“-Fahren. Die ganze Familie sitzt im Auto und man fährt mit Standgas im zweiten Gang da entlang, wo wir Deutsche spazieren gehen würden. Wie sonst die Fußgänger in einem Park, reiht sich Auto an Auto und man fährt „eine Runde“ im wahrsten Sinne des Wortes. Für uns sieht das wirklich witzig aus, wir beobachten das Corso fahren am Hafen. Alle zuckeln schön langsam in einer Schlange bis an das Ende des Hafenbeckens, um dort kehrt zu machen. Ist man zurück, reiht man sich erneut in die Schlange ein und das Ganze beginnt von vorne. Niemand will wirklich irgendwo hin, alle fahren nur spazieren!

Von Castellammare geht es weiter westwärts bis kurz vor Scopello. Wir übernachten direkt am Meer.

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Unsere Aussicht am Abend bei der Ankunft ...                                             ... und aus der gleichen Perspektive am nächsten Morgen.

Bei perfektem Wetter brechen wir auf in den Naturpark Zingaro, der erste seiner Art auf Sizilien und Ergebnis einer Protestaktion gegen den Bau einer Straße durch dieses Paradies zum Zweck der Erschließung als Feriengebiet. Heute ist der gesamte Küstenabschnitt streng geschützt und wir erleben Sizilien zur schönsten Jahreszeit mitten in der Blüte! Unsere Rundwanderung führt uns zunächst einige 100 m hoch in die Berge, dann entlang der Küstenlinie, wieder runter direkt ans Meer in einsame Buchten und nach ca. 5 Stunden zurück an den Ausgangspunkt am Eingang des Parkes. Bei diesen Anblicken kam mir der Titel in den Kopf „If Paradies is half as nice" (für die Fans: Amen Corner, 1969). Für Stunden sind wir allein in einem Meer aus Blumen, erst auf dem Rückweg am Meer entlang begegnen uns andere Ausflügler.

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Der Ort Scopello wird hoch gelobt und soll im Sommer total überlaufen sein, uns hat er nicht so berührt. Allerdings haben wir am Abend hier sehr gut gegessen und weil nicht so viel los war, hatte die Bedienung auch noch Zeit für eine kurze Italienisch-Lektion. Heike hat ja wie schon in Norwegen den Ehrgeiz, ein wenig die Landessprache zu erlernen, was nicht nur manchmal sehr praktisch ist. Zusätzlich - Grammatik Fehler hin, schlechte Intonation her - ermöglicht es oft einen ganz anderen Zugang zu den Einheimischen, die sich freuen, dass sich jemand Mühe gibt. Die Lektionen aus dem Hörbuch werden also durch eine kleine praktische Einweisung einer echten Italienerin abgerundet!

Bei Scopello füllen wir auch das erste mal die Vorräte wieder auf. Jetzt ist der Kühlschrank wieder gut gefüllt mit Schafs- und Ziegenkäse, Salami, Oliven und an die ersten Sorten des sizilianischen Rotweins traue ich mich auch schon mal ran. 

Wir übernachten wieder direkt am Meer. In einiger Entfernung zeltet ein Österreicher, der es bis hierher mit dem Rad geschafft hat. Alle Achtung!

Für den nächsten Tag hat unser GPS offensichtlich beschlossen, dass es jetzt einmal Zeit für ein Abenteuer ist. Jedenfalls leitet es uns über Bergpfade nach San Vito Lo Capo an die äußerste Nord-West-Spitze Siziliens. Dieser direkte Weg war wohl zwei Kilometer kürzer als die normale Straße, schneller ging es jedoch nicht. Tatsächlich sind uns doch drei oder vier einheimische Autos entgegen gekommen und jedes mal hat das Herz des Fahrers für einen Augenblick etwas schneller geschlagen und das von Heike ist kurz stehen geblieben.

San Vito hat einen sehr schönen Sandstrand und die Berge dahinter machen die Szenerie perfekt, aber ansonsten ist der ganze Ort touristisch hoffnungslos verbaut. Gleich hinter dem Strand fangen die Alleen von Pizzerien und Restaurants an, jedes mit gefühlt 300 Sitzplätzen. Aufgelockert wird das ganze lediglich durch Kaffee-Bars, Eisdielen und Geschäften unterschiedlicher Preisklassen. Alles nichts für uns. Wir trinken einen Espresso und brechen wieder auf. Auf der Kapspitze steht ein Leuchtturm und wir haben den Tipp, dass man dort gut übernachten kann. Leider ist das Areal heute ein Militärhafen, der Tipp ist wohl doch schon einige Jahre alt.

Einige Kilometer weiter fahren wir zu einer Felsengrotte, in die früher ein kleines Dorf gebaut wurde. Die Einwohner haben sich selbst und ihr Vieh so vor der Sommerhitze geschützt. Es gibt hier nämlich das Wetterphänomen des Chirocco - der heiße Wind aus Nordafrika, der bei über 40°C und hoher Luftfeuchtigkeit das Leben lahm legt. Die Siedlung selbst ist sehr gut erhalten und die Häuser sind mit den Original-Gebrauchsgegenständen ausgestattet. Die Führung übernimmt ein Bauer aus der Gegend. Wir haben Glück, denn er hat gerade begonnen, zwei Familien herumzuführen. Wir haben noch einmal Glück, denn eines der Paare kommt aus Österreich und lebt in Italien oder umgekehrt, jedenfalls sprechen sie beide Sprachen perfekt und wir kommen in den Genuss einer Übersetzung. Oft hat es jedoch gereicht, der Mimik, Gestik und dem Tonfall des Bauern zu folgen. Dieser Mann hat echt Bühnenreife mit seiner Vortragsweise! Er wäre auch vom Fleck weg geeignet als Trainer für Präsentationstechnik. Was ich in manchen hochkarätigen geschäftlichen Meetings an Vorträgen erleben durfte, war blutleer dagegen!

Wir wollten erst gar nicht so weit, aber nun fahren wir noch bis Erice, einem kleinen Ort nahe am Meer, aber auf einer 700 m hohen und frei stehenden Felskuppe. Unser Reiseführer verspricht einen der am besten erhalten und authentischsten Orte auf Sizilien und wir werden nicht enttäuscht. An einem der drei Stadttore finden wir ein nettes Plätzchen im Wald für die Nacht. Für die Zufahrt muss ich übringens ein Verkehrsschild „Einbahnstraße“ übersehen, aber das ist Notwehr aus meiner Sicht. Jedenfalls kann ich so in der Pizzeria abends auch einen Rotwein genießen. Ein „kleiner“ Krug fasst übrigens 0,5 l. 

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Der Blick von Erice zurück nach San Vito, Richtung Norden. Der markante Berg links direkt am Meer ist der Monte Cofano. Dort waren die Felsengrotten.


Unsere Strecke der letzten drei Tage (in rot) und weil es interessant ist, auch das Höhenprofil der Anfahrt nach Erice: von Meeresniveau auf 700 Meter in 5 km.

   

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