Wind, Sturm, Orkan und dann? Patagonien!

Nicht nur auf den größeren Seen haben die Wellen Schaumkronen, sondern auch in Pfützen am Straßenrand!

Seit dem Cabo Dos Bahias (45° südlicher Breite) an der argentinischen Atlantikküste sind wir in den Roaring Fourties angekommen. Keine Ahnung, ob dieser Begriff jemals für Patagonien verwendet wurde, aber wir nennen das jetzt so. Mehrmals am Tag wird der Schalter für die Windemaschine angeschaltet. Schalter? Ja richtig - es ist, als ob jemand den Schalter umlegt. Der Wind kommt ganz plötzlich, heftig in Böen, dauert Minuten, Stunden oder Tage - selbst bei wolkenlosem Himmel. Und dann dreht jemand den Schalter auf „aus“. Von jetzt auf gleich hört das Spektakel auf - Windstille. Hat man eben noch vom Wind geträumt?

Kaum, denn drei Minuten später legt der Sturm wieder los: heult, reißt einem die Autotüre aus der Hand, lässt einen gar nicht aussteigen. Nicht einmal die Kamera lässt sich ruhig halten - aber dafür gibt es ja die guten Nikon-Linsen mit Vibration Reduction :-)  Auch die Handtücher haben inzwischen Gummi-Halterungen bekommen, mit denen sie fest um den Haken gestrippt sind, denn auch sie wedeln beim Einsteigen durch die Tür davon. 

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Nicht „wegschmieren“ kann Peter das Ächzen der Blattfedern. Zusammen mit dem Heulen des Windes oft das einzige Geräusch in der Nacht. Zwei Tage legen wir sogar eine Fahrpause ein, denn der Wind bläst permanent mit 80 bis 100 km/h und dummerweise meistens von vorn und bremst damit das iMobil sprichwörtlich aus! Peter schaltet Gang um Gang nach unten, der Treibstoffverbrauch steigt in bisher unbekannte Höhen, aber mehr als 50 km/h im vierten Gang ist nicht mehr zu schaffen. Dabei gibt es Geräusche, so wie sich ein LKW bei 150 km/h im Windkanal nun mal anhört. Beim Blick durch die Windschutzscheibe hat man das Gefühl, dass sich diese bei den heftigsten Windböen wie ein Parabolspiegel verbiegt. Wir unterbrechen die Fahrt, sitzen am Straßenrand wie Häschen in der Grube, schaukeln vor uns hin, auf dem Herd vibrieren die Töpfe und im Spülbecken schwappt das Wasser hin und her. Das glaubt uns kein Mensch!

Wind lässt sich schlecht im Bild festhalten - erst recht nicht, wenn sich der Himmel blau-weiß zeigt.

Wir lieben es, draußen zu kochen und zu essen oder einfach nur zu lesen oder Bilder zu bearbeiten. Dafür haben wir im Zuge der Vorbereitung auf Südamerika unsere Außenküche „sturmfest“ gemacht und sogar unser Sonnensegel ist nun winddurchlässig. Doch unsere ingenieurmäßig durchdachten Bemühungen erweisen sich in Anbetracht der Sturmstärken hier im Süden Patagoniens als lächerlich und vollkommen unnütz. Auch tun sich Probleme ganz anderer Art auf: Die Dachbox mit Werkzeug und Ersatzteilen kann man nicht mehr öffnen und auch ein vorbeugender Blick unter die Motorhaube bleibt verwehrt, denn es gibt überhaupt gar keinen Zweifel, dass in beiden Fällen ein ziemlich großes Blechteil im Wind davonsegeln würde!

Geparkt wird nicht mehr nach Straßenverkehrsordnung sondern nach Windrichtung. Mit Wind von hinten ist es schlichtweg nicht möglich, die Autotür festzuhalten und bei Wind von vorn muss der Herr mit aller Kraft die Tür aufstemmen, um der Dame das Ein- und Aussteigen zu ermöglichen.

Schon eher glaubt man diesem Foto, dass die nächste Sturmfront heranrückt.

Auch für die Nacht peilen wir jedes mal die Wetterlage und drehen unser Auto mit der Nase in den Wind. Das klappt in der Regel ganz gut, nur selten sind wir mit dem Ergebnis unserer Präventivmaßnahmen unzufrieden. Einmal jedoch versagen wir vollständig. Wir erinnern uns genau, es war unser letzter Tag in Ushuaia. Wir finden einen sehr schönen Platz für die Nacht am Beagle-Kanal, etwa 15 km außerhalb der Stadt und mit grandiosem Panoramablick. Nachts funkeln die Lichter in Ushuaia und reflektieren sich im Wasser. Mond und Sterne lassen die Gletscher im fahlen Licht leuchten. Wir stellen uns bei absoluter Windstille direkt an die Kante unseres kleinen Privat-Kliffs. Gegen 3:00 Uhr fallen wir fast aus dem Bett. Es gibt Schläge gegen die Kabine. Wir schrecken aus dem Schlaf hoch und rätseln noch, was eigentlich passiert, da erwischt uns die nächste Böe! Im Schlafanzug eilt Peter ins Fahrerhaus, versucht zwischen zwei Böen das Auto zu wenden und rückwärts möglichst nahe an die schützende Felswand zu fahren. Dieser Trick mit dem „toten Winkel“ für den Wind funktioniert ganz gut. Wir lauschen noch einige Zeit den Naturgewalten, bevor wir wieder in den Schlaf geschaukelt werden. Am nächsten Morgen sehen wir, was der Wind gebracht hat: wir tasten uns durch dichtes Schneegestöber und bei geschlossener Schneedecke über die Pässe der südlichen Kordillieren. Alle PKWs, die uns sonst so gierig überholen, bleiben heute brav hinter uns und freuen sich über die Spur, die wir mit unserem Allrad-LKW für sie ziehen.

Permanenter Wind begleitet uns durch ganz Patagonien: An der Atlantikküste bis nach Feuerland und durch die Anden zurück bis auf 47° Süd. Als wir über den Paso Roballos den Anden-Hauptkamm queren, legt sich der Wind - und bleibt in dieser Heftigkeit ganz und gar weg. Wir nähern uns wieder den gemäßigten Breiten! Unsere Einstellung zu den patagonischen Winden hat sich während der zwei Monate dort unten mehrfach deutlich geändert: anfangs hatten wir ziemlichen Respekt vor den Naturgewalten, die uns in dieser Heftigkeit bisher unbekannt waren. Dann ging uns der andauernde Wind irgendwann einmal gehörig auf die Nerven. Relativ schnell haben wir uns jedoch daran gewöhnt, er gehörte einfach zur Landschaft dazu. Später fanden wir Tage ohne Wind fast langweilig und nun, nachdem wir Patagonien wieder verlassen haben, fehlt er uns sogar ein wenig!

Bahía Creek: Die Dünen erobern das Dorf - Ergebnis des permanenten Windes.


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